Donnerstag, 18. Mai 2017

REZENSION: "Sieben Minuten nach Mitternacht" (Patrick Ness, Siobhan Dowd)

Copyright der Hörverlag
Titel: Sieben Minuten nach Mitternacht
Autor: Patrick Ness, Siobhan Dowd
Genre: Jugendroman / Fantasy
Sprecher: Maria Furtwängler
Erscheinungsjahr: 2017 (Original 2011)
Format: Hörbuch (9,99 €), TB, eBook
Länge: 276 Minuten (224 Seiten), vollständige Lesung
ISBN: 978-3-8445-2311-9

Seit seine Mutter an Krebs erkrankt ist, hat der 13-jährige Conor jede Nacht den gleichen Albtraum - von einem Abgrund, der sich urplötzlich vor ihm auftut, und von Händen, die er nicht länger festhalten kann. Doch diesmal hat er einen ganz anderen Traum: Genau sieben Minuten nach Mitternacht klopft es an sein Fenster und eine tiefe Stimme ruft seinen Namen. Ein Monster, das so alt und weise ist wie die Erde, ist aus seinem langen Schlaf erwacht und gekommen, um Conor Geschichten zu erzählen. Geschichten von Prinzen und Hexen, von habgierigen Männern und letztlich von Conors eigener Angst, denn die kennt das Monster so gut wie kein anderer.

Ich habe die Filmausgabe des Hörbuchs, die dementsprechend das Filmplakat zeigt - und dieses gefällt mir wirklich gut. Ich mochte die melancholische Stimmung im Film, die auch das Cover wiederspiegelt. Für mich ein sehr schönes Bild.

Geschichte und Erzählstil:

Im Dezember durfte ich an der Pressevorführung zum Film "Sieben Minuten nach Mitternacht" teilnehmen, der seit Anfang Mai auch in den deutschen Kinos läuft (Review folgt noch, sobald meine Hand wieder voll einsatzfähig ist). Als Buchnerd war ich natürlich auch auf die Romanvorlage gespannt und habe sie als Hörbuch nachgeschoben. Der Film hatte bei mir einen unglaublichen Eindruck hinterlassen - so echt, lebensnah, traurig und ergreifend. Und ganz ähnlich ging es mir von der ersten Minute an mit dem Hörbuch.

Patrick Ness und Siobhan Dowd erzählen auf eindringliche und sehr behutsame Weise die Geschichte eines Jungen, dessen Mutter unheilbar an Krebs erkrankt ist. Mit bewundernswerter Sturheit sorgt Conor seit der Diagnose für sich selbst, entlastet seine Mutter, wo er nur kann, und weigert sich schlicht und ergreifend, auch nur eine Sekunde lang zu glauben, sie könnte den Kampf verlieren. Als Leser / Zuhörer spürt man jedoch ganz deutlich, wie er nach und nach den Boden unter den Füßen verliert. Sich zurückzieht, unsichtbar wird. Auch seine Mitschüler merken das und finden in Conor ein leichtes Opfer für Mobbingattacken. Auch das erträgt er mit vorgerecktem Kinn. Er will nicht bemitleidet oder bemuttert werden, denn das hieße, dass er sich mit dem Schicksal seiner Mutter abgefunden hat. Dabei will er nur ein ganz normaler Junge sein, mit einem ganz normalen Leben.

Diese Ausgangssituation nimmt einen ziemlich mit - man bewundert Conor für seine Stärke, gleichzeitig will man ihm aber sagen, dass es okay ist, zu weinen und verzweifelt zu sein. Zu schreien und zu kämpfen und am Ende vielleicht sogar aufzugeben - wenn es nötig ist. Und genau hier kommt das Monster ins Spiel. Das Monster, das Conor um sieben Minuten nach Mitternacht besucht, um ihm Geschichten zu erzählen. Geschichten, in denen die Dinge nicht nur schwarz und weiß sind, in denen es nicht immer ein Happy End gibt. Das Monster will Conor dazu bringen, der Wahrheit ins Auge zu sehen und durchläuft gemeinsam mit ihm verschiedene Phasen - beispielsweise Wut und Kontrollverlust. Das sind Phasen, die Conor durchmachen muss, um am Ende akzeptieren zu können, dass es vielleicht keine Therapie gibt, die seine Mutter heilen kann.

Ein schwermütiges, unendlich trauriges und bedrückendes Thema, das Ness eindrucksvoll und vor allem mit Feingefühl umsetzt. Ob das Monster tatsächlich da oder ein Ausdruck von Conors kindlicher Fantasie ist, bleibt offen. Das spielt aber auch keine Rolle, denn es ist seine Art und Weise, mit der Situation umzugehen. Wie auch der Film wartet die Buchfassung dabei mit unglaublichen, fesselnden Bildern auf, die den Leser mitreißen und bis zum Ende nicht los lassen. Von der Gestalt des Monsters über die anderen Figuren (Conors liebevolle Mutter, seine resolute, eher pragmatische Großmutter und sein abwesender Vater), die melancholische, aber am Ende doch hoffnungsvolle Atmosphäre bis hin zur Botschaft der Geschichte stimmt für mich einfach alles. Mit einer winzig kleinen Ausnahme: Das Ende des Filmes hat mir ein bisschen besser gefallen. Das Ende des Buches war mir einen Ticken zu abrupt.

Übrigens berührt die Geschichte auch vor dem Hintergrund ihrer Entstehung. Entworfen wurde die Romanidee nämlich von Siobhan Dowd, die jedoch vor Fertigstellung des Buches an den Folgen einer Krebserkrankung starb. Patrick Ness wurde dann gebeten, den Roman zu Ende zu schreiben und ich finde, mit diesem Buch hat er doch eine unglaubliche Hommage an Siobhan Dowd geschaffen.

Sprecher:

Gelesen wird Sieben Minuten nach Mitternacht von der Schauspielerin Maria Furtwängler, die auf jeden Fall eine sehr angenehme Erzählstimme hat. Wenn man ihr zuhört, fühlt man sich irgendwie an das Vorlesen in der Kindheit erinnert. Es gelingt ihr, die Stimmung der Geschichte zu transportieren und einen mitzunehmen auf Conors ebenso fantastische wie schmerzvolle Reise. Trotzdem hat ihre Stimme für mich nicht immer zu einhundert Prozent gepasst, vor allem in Bezug auf den jungen Protagonisten Conor.

Wie schon der Film hat mich auch die Hörbuchfassung von Sieben Minuten nach Mitternacht gefesselt und tief berührt. Conors Schicksal, seine Art, mit der Krankheit seiner Mutter umzugehen, und die feinfühlige Umsetzung dieses schwierigen Themas können absolut niemanden kalt lassen und haben mich vollends überzeugt. Für mich ist Sieben Minuten nach Mitternacht eigentlich jetzt schon ein moderner Klassiker und nicht nur für Jugendliche ein Must-Read.




(Geschrieben mit Links)

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen