Sonntag, 7. Mai 2017

REZENSION: "Sweetbitter" (Stephanie Danler)

Copyright Aufbau Verlag



Titel: Sweetbitter
Autor: Stephanie Danler
Genre: Roman
Verlag: Aufbau Verlag
Erscheinungsjahr: 2017
Format: Hardcover (21,95 €)
Seiten: 416
ISBN: 978-3-351-03672-0



Tess träumt von einem aufregenden Leben in New York, ohne genau zu wissen, was sie eigentlich will. In der Stadt angekommen, führt sie ein Vorstellungsgespräch in eines der angesagtesten Restaurants und zu ihrer eigenen Überraschung wird sie als Hilfskellnerin angestellt. Von nun an ist dieser faszinierende, in sich abgeschlossene Kosmos fast so etwas wie Tess' Zuhause. Hier gelten ganz eigene Regeln und mit jedem Tag taucht Tess tiefer in diese fremde Welt mit all ihren Aromen und Gerüchen ein.

Rein farblich spricht mich das Buchcover nicht wirklich an - das Blassrosa wirkt in Kombination mit dem Weiß etwas trist. Die Brücke und der Hummer passen aber thematisch sehr gut und machen neugierig auf einen modernen, vielleicht etwas anderen Roman.

Klappentext und Cover zu Sweetbitter von Stephanie Danler versprachen einmal einen ganz anderen, intensiven Roman, auf den ich mich wirklich gefreut habe. Was genau die Geschichte dahinter sein würde, erschloss sich mir zwar anfangs nicht wirklich, aber ich habe beschlossen, mich voll und ganz auf Tess' Abenteuer in New York einzulassen. Und das muss man wirklich von Beginn an tun, denn ebenso ungewöhnlich und unkonventionell wie die Story ist auch Danlers Schreibstil.

Dieser ist auf merkwürdige Art und Weise zugleich ein wenig distanziert und mittendrin. So richtig nah fühlt man sich der jungen, ziemlich desorientierten und anfangs unbeholfenen Tess bis zum Schluss nicht. All ihre Empfindungen und Erlebnisse wirken hingegen unglaublich echt und sind auch für den Leser deutlich spür- und nachvollziehbar. Das macht Danlers Stil für mich zu einem ziemlich skurrilen, modernen und irgendwie genialen, obwohl ich ehrlich gesagt nicht ganz definieren kann, ob ich ihn lieben oder hassen soll. Erfrischend anders und originell ist er aber in jedem Fall.

Gleiches trifft auch auf die Handlung zu, denn zumindest ich hatte von Anfang an im Gefühl, dass sie nicht unbedingt in eine gewisse Richtung führt oder auf etwas ganz Bestimmtes hinausläuft. Vielmehr bildet Danler in erstaunlicher Detailgenauigkeit das chaotische und ziellose Leben eines jungen Mädchens ab, das einfach noch keinen blassen Schimmer hat, wo es steht und was es vom Leben erwarten soll. Hier kommt das angesagte Nobel-Restaurant ins Spiel, in dem Tess nach ihrer Ankunft in New York einen Job ergattern kann. Dieser Schauplatz ist hoch interessant und mit all seinen Regeln, den Eigenarten und den Angestellten, die ihn zu einem eigenen pulsierenden Universum machen, einfach genial skizziert.

Danler bietet dem Leser einen faszinierenden Einblick in die Welt der gehobenen Gastronomie und hinter die Kulissen einer glanzvollen, elitären Schickimicki-Fassade. Den Fokus legt sie dabei auf Sinneseindrücke und - meine Güte - wie sie diese beschreibt, ist einfach meisterhaft. Ob es der salzige, meerige Geschmack einer Auster ist, das Aroma eines teuren Weines, die pampige Konsistenz eines Imbiss-Sandwiches oder die ranzige, abgestandene Luft in der versifften Stammkneipe der Restaurant-Angestellten: Man hat das Gefühl, all das am eigenen Leib zu erleben. Das macht für mich die große Stärke des Romans aus.

Mir gefällt außerdem, dass Danler auch die Schattenseiten der Branche zur Sprache bringt - von Ungeziefer im Ausfluss über den immensen Stress bis hin zum übermäßigen Alkohol- und Drogenkonsum. Der Einblick ist auch hier definitiv gelungen, einiges war für mich aber ab einem gewissen Punkt nicht mehr nachvollziehbar. Ein wenig hatte ich das Gefühl, dass an den Stellen, an denen die Handlung selbst nicht viel mehr hergibt, einfach zu einer ordentlichen Ladung Sex und Drogen gegriffen wurde. Auch die Liebesgeschichte zwischen Tess und Barmann Jake passt für mich irgendwie nicht. Trotz der kleinen Kritikpunkte muss man dem Roman aber eines in jedem Fall lassen: Er ist einzigartig.

Unerwartet, skurril, ehrlich und irgendwie anders: Stephanie Danlers Sweetbitter beschert einem ohne Frage ein ganz besonderes Lesevergnügen abseits des Mainstream. Nicht immer haben sich mir alle Handlungselemente erschlossen und der Schreibstil ist definitiv gewöhnungsbedürftig (wenn jedoch eindeutig brillant), das Buch hat mich aber ganz sicher durchgehend fasziniert. Wer sich auf die ungewöhnliche Story einlässt, wird auf keinen Fall enttäuscht.




(Geschrieben von Christian Schaller)

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