Freitag, 28. Juli 2017

REZENSION: "Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten" (Becky Chambers)

Copyright S. Fischer Tor

Titel: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten
Autor: Becky Chambers
Genre: Science Fiction
Verlag: S. Fischer Tor
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Taschenbuch (9,99 €)
Seiten: 544
ISBN: 978-3-596-03568-7



Die junge Marsianerin Rosemary nimmt einen auf den ersten Blick ziemlich unglamourösen Job als Verwaltungsassistentin auf dem in die Jahre gekommenen Tunnelerschiff Wayfarer an - für sie ist es eine Chance, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und von vorne anzufangen. Und die Crew, ein bunter Haufen aus den verschiedensten Spezies und Typen, nimmt sie sofort herzlich auf. Nicht nur in Pilotin Sissix, einem reptilienähnlichen und zutiefst gutmütigen Wesen, sondern auch in der durchgeknallten Menschen-Tech Kizzy, ihrem Freund und Kollegen Jenks, der unsterblich in die KI des Raumschiffes verliebt ist, und dem liebenswerten Dr. Koch, der sich mit Hingabe um das leibliche Wohl der Crewmitglieder kümmert, findet Rosemary schnell wahre Freunde. Doch dann beschließt der Captain der Wayfarer, Ashby, einen durchaus lohnenswerten, aber gefährlichen Auftrag anzunehmen: Es soll ein Raumtunnel zu einem besonders weit entfernten Planeten angelegt werden. Die Crew der Wayfarer begibt sich auf eine abenteuerliche Reise durch die Galaxie, während der Rosemary stets die Enthüllung ihres Geheimnisses fürchten muss...

Das Cover ist großartig! Es orientiert sich einerseits an den Gewändern klassischer Science Fiction Romane und wirkt andererseits modern und erfrischend. Für mich fasst das die Geschichte von Die lange Reise zu einem kleinen zornigen Planeten ziemlich gut zusammen.

An Becky Chambers Debütroman hat mich von Anfang an vor allem eines gereizt: Der Titel. Erscheint recht banal und oberflächlich, aber Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten (übrigens wörtlich aus dem Englischen übersetzt) klingt einfach sensationell und fasst die Handlung, so viel kann ich im Nachhinein sagen, so perfekt zusammen wie kaum ein anderer Buchtitel. Und was da alles gleich nach den ersten Seiten auf einen einstürmt - wow! Becky Chambers erschafft ein komplett neues Universum, zahlreiche mehr oder weniger befremdliche Spezies mit eigenen Kulturen, Sprachen und physiognomischen Besonderheiten, die verschiedensten Planeten mit jeweils ganz eigenen Bedingungen, zahlreiche Berufsfelder, politische Systeme und und und. Viele neue Eindrücke, die man als Leser erst einmal verdauen muss. Gleichzeitig macht es unheimlich großen Spaß, auf jeder Seite etwas Neues zu entdecken.

Anfangs hatte ich so meine Schwierigkeiten, in die Handlung hineinzufinden, auch wenn Chambers es einem mit ihrem angenehmen und nicht allzu wissenschaftlichen Schreibstil eigentlich recht leicht macht. Die Begriffe, die sie für all die verschiedenen Gerätschaften, Techniken usw. verwendet, lassen sich problemlos aus dem Kontext erschließen und vor allem die etwas absonderliche Crew der Wayfarer hat man ebenso schnell ins Herz geschlossen wie die Neue an Bord, Rosemary. Dennoch lief die Geschichte ziemlich schleppend an, auch wenn es natürlich großartig und wichtig für das große Ganze ist, dass Chambers sich so viel Zeit nimmt, um das Raumschiff sowie die verschiedenen Planeten, an denen die Wayfarer andockt, die politischen Spannungen im sogenannten GU-Raum und vor allem auch die Charaktere bis ins kleinste Detail zu beschreiben.

Die Welt in Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten wirkt dadurch unheimlich plastisch und faszinierend - all die Planeten und merkwürdigen Spezies bringen einen immer wieder zum Staunen. Und genau das ist es, was den Roman zu einem wirklich großen Teil ausmacht: Als Leser begibt man sich an Bord der Wayfarer und an der Seite der Crewmitglieder auf eben die titelgebende Reise zu einem weit entfernten Planeten, erlebt unterwegs das ein oder andere Abenteuer, bringt sich in Gefahr, entdeckt fremde Welten und beobachtet (zeitweise amüsiert) das Zusammenspiel der kuriosen Crewmitglieder - allesamt Originale mit kleinen Marotten und Eigenarten, die sie so liebenswert und authentisch machen. Die Redensart "Der Weg ist das Ziel" passt hier wie die Faust aufs Auge, denn tatsächlich spielt letztlich weniger der kleine zornige Planet eine Rolle, als vielmehr die spannende und aufregende Reise durch das Weltall.

So sieht sich die Crew der Wayfarer etwa mit technischen Problemen, nervtötenden Strapazen und sogar Überfällen durch Raumpiraten konfrontiert, aber auch Spannungen innerhalb der Crew und die ein oder andere amouröse Entwicklung sorgen für Dynamik. Ich hatte beim Lesen wirklich den Eindruck, in Chambers' Universum gibt es nichts, was es nicht gibt. Da ist eben der kleinwüchsige Mechaniker Jenks bis über beide Ohren in die körperlose KI Lovey verknallt, bandeln freizügige Echsenwesen mit Menschen an, werden in der Bordküche mit großem Genuss knusprig gebratene Riesenheuschrecken verspeist, wird ein von einer rätselhaften Krankheit befallener Navigator, der sich als Paar fühlt, selbstverständlich in der Mehrzahl angesprochen und und und. Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten ist eine gigantische Sammlung an Kuriositäten, die im Kontext der Handlung so herrlich normal und banal wirken, dass man sich bald über gar nichts mehr wundert. Ich finde das so großartig und sensationell, weil es einem irgendwie Hoffnung gibt. Darauf, dass irgendwann in einer weit entfernten Zukunft, sich eben doch kein Mensch mehr darum schert, wie der andere lebt.

Doch ganz so einfach ist es natürlich nicht, denn auch in der Welt der GU gibt es politische Spannungen, kriegerische Handlungen und aberwitzige Gesetze, die die ein oder andere Spezies ziemlich benachteiligen und einschränken. Insofern transferiert Chambers eben doch einen Großteil unserer Gesellschaft in den Weltraum. In etwas abgewandelter Form kommen auch Themen wie Rassismus, Sklaverei und Unterdrückung zur Sprache. Erfrischend finde ich es hierbei, dass nicht alles Negative grundsätzlich von den Menschen ausgeht, sondern anteilig von jeder Spezies im Universum. Gleichzeitig bemüht sich Chambers um einen differenzierten Rundumblick, denn als Leser erkundet man den Weltraum nicht nur (wie gewohnt) durch die Augen der menschlichen Besatzungsmitglieder, sondern auch durch die der anderen Wesen. Diese wiederum finden einiges merkwürdig an den Gewohnheiten der Menschen (Kleidung, Prüderie etc.) und machen sich bisweilen sogar über Rosemary, Captain Ashby und die Techs Kizzy und Jenks lustig. Cool fand ich es auch, dass das Wort "Alien" von jeder Spezies verwendet wird - und zwar jeweils für alle der eigenen fremden Lebensformen. So werden eben auch die Menschen zu Aliens. Ein interessanter Blickwinkel.

Die Handlung selbst hat mich nicht im gleichen Maße überzeugt wie die gigantische und detailreich ausgeschmückte Welt, die Chambers erschafft. So fand ich Rosemarys großes Geheimnis letztlich zu vorhersehbar und banal, die Fronten, zwischen welche die Wayfarer auf ihrer Mission gerät, zu klischeehaft und unausgefeilt. Die politischen Konflikte entsprechen praktisch denen auf unserer Erde und auch wenn die Geschichte damit eine einzige große Allegorie und durchaus bedeutungsschwer ist, hätte Chambers hier für meinen Geschmack ein wenig mehr ihre Fantasie spielen lassen können. Der lange Weg zu einem kleinen zornigen ist ein eher gemächlicher Science Fiction Roman, dem ein Ticken mehr Action ganz gut getan hätte. Nichtsdestotrotz hat mich diese einzigartige, fremde Welt mit all ihren kuriosen Bewohnern absolut in ihren Bann geschlagen.

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten überzeugt nicht nur mit einem genialen Titel, sondern auch mit einer grandios gezeichneten Welt und originellen Charakteren, die jeder für sich so verschroben sind, dass man sie einfach ins Herz schließen muss. Eine coole Science Fiction Geschichte, die hier und da etwas ausgefeilter und actionreicher hätte sein können, die aber trotzdem großartig unterhält und den Leser gefangen nimmt. Auf die Fortsetzung bin ich jedenfalls schon sehr gespannt!



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