Donnerstag, 17. August 2017

REZENSION: "The Hate U Give" (Angie Thomas)

Copyright cbt


Titel: The Hate U Give
Autor: Angie Thomas
Genre: Jugendroman / Young Adult
Verlag: cbt
Erscheinungsjahr: 2017
Format: Hardcover (17,99 €)
Seiten: 512
ISBN: 978-3-570-16482-2


Starr balanciert zwischen zwei Welten: Die 16-Jährige lebt in einem berüchtigten Viertel für Schwarze, besucht jedoch eine Privatschule, auf die so gut wie nur Weiße gehen. Für Starr ist es tagtäglich eine Herausforderung, diese beiden Welten strikt voneinander zu trennen. Und genau das gelingt ihr immer weniger - nach dem Vorfall. Denn Starr muss mit ansehen, wie ihr bester Freund Khalil von einem Polizisten erschossen wird. Er war unbewaffnet und geriet durch ein Missverständnis ins Visier des Cops, doch Starr ist die einzige, die das weiß. Von der Polizei und der Presse wird Khalil als Drogendealer und Gangbanger abgestempelt, während die Menschen in Starrs Viertel und bald im ganzen Land gegen die Willkür der Polizei auf die Straße gehen. Starr muss sich entscheiden: Will und kann sie ihre Stimme erheben und Gerechtigkeit für Khalil fordern und damit vielleicht auch endlich in ihrem Viertel etwas ändern? Als einzige Zeugin hat sie die Macht dazu, schwebt jedoch gleichzeitig in großer Gefahr...

Weiße Cover gefallen mir ja bekanntermaßen nicht so gut, hier gibt es jedoch ein Aber: Das Cover ist ja ganz bewusst in Weiß gehalten (die Rückseite ist übrigens schwarz) und symbolisiert in Kombination mit dem farbigen Mädchen die zwei Welten, in denen Starr lebt. Mir gefällt dieser Symbolcharakter unheimlich gut und gleichzeitig ist das Buch dadurch auch ein echter Eyecatcher.

Angie Thomas' Romandebüt The Hate U Give begegnet einem derzeit überall und auch ich konnte natürlich nicht daran vorbeigehen. Schon der Klappentext versprach ein brisantes, vielleicht hier und da unbequemes und vor allem ehrliches Buch. Und genau das ist es auch. Von der ersten Seite an spielt Thomas mit Vorurteilen und Alltagsrassismus, mit dem die 16-jährige Starr, ihre Familie und Freunde tagtäglich konfrontiert werden. Denn Starr ist eine Farbige und lebt in Garden Heights, einem Ghetto für Schwarze. Hier gilt das Gesetz der Straße: Ihr Vater ist Big Mav, der ehemalige Anführer einer Gang, und noch immer haben die beiden großen Gangs in Garden Heights das Sagen.

Gleichzeitig sind Starr und ihre Geschwister aber auch privilegiert, denn sie besuchen eine renommierte Privatschule in einem anderen Viertel. Während sie dafür in Garden Heights belächelt, aufgezogen und teils sogar verachtet werden, haben sie an der Schule, an der überwiegend weiße Schüler sind, jeden Tag mit Vorurteilen zu kämpfen. Die Situation, die Thomas schafft, ist von Anfang an eine heikle und spiegelt zugleich den Alltag von so vielen Jugendlichen (vor allem in den USA) wieder. Die junge Protagonistin Starr ist ständig im Zwiespalt mit sich selbst. Als Teenager ist man sich über die eigene Identität sowieso noch nicht im Klaren, doch Starr ist zusätzlich gezwungen, ständig zwischen zwei Persönlichkeiten zu wechseln. Zuhause gehört sie zur Gemeinde von Garden Heights, in der Schule passt sie ihr Verhalten vollkommen ihren weißen Mitschülern an. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie anstrengend und belastend das sein muss.

Und dann ist da das Verbrechen, das Starrs ganzes Leben und auch das Viertel Garden Heights für immer verändert. Als Starrs Freund Khalil grundlos von einem Polizisten erschossen wird, kommt es zu Unruhen, Protesten und Diskussionen im ganzen Land. Und mittendrin ist Starr, die das Erlebte einfach nicht verarbeiten kann und nicht weiß, ob sie den Mut hat, auszusagen und ihre Stimme zu erheben. Denn abgesehen von den ungerechten und herablassenden Polizisten, die selbstredend geschlossen hinter ihrem weißen Kollegen stehen, sieht sich Starr auch mit dem Gangsterboss King konfrontiert. Das alles klingt vielleicht nach Thriller, aber es ist so echt, so pur und absolut realitätsnah. Denn Thomas beleuchtet das Geschehen von allen Seiten und stellt nicht einfach nur den Staat oder gar die "Weißen" an den Pranger.

Natürlich ist die Handlung voll von Rassismus und spitzen Bemerkungen, die Starr in der Schule über sich ergehen lassen muss. Auch die Reaktion der Polizei und der Presse richtet sich deutlich spürbar gegen die schwarze Minderheit. Und das macht fassungslos und wütend, gerade weil es nicht einfach nur vorstellbar, sondern weil es vielerorts einfach immer noch genauso ist. Nichts, rein gar nichts in diesem Buch wirkt in irgendeiner Weise überzogen. Thomas hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. Aber nicht nur uns, sondern auch den Bewohnern von Garden Heights. Diese befinden sich in einem Teufelskreis, sind aufgrund mangelnder Arbeitsplätze und sozialer Ungerechtigkeit gezwungen, auf andere Weise zu überleben, haben aber auch aufgegeben, sich dagegen zu wehren. Die brutalen Ausschreitungen nach Khalils Tod zeigen den verständlichen Unmut der Menschen, aber auch ihre Gewaltbereitschaft. Gleichzeitig gibt es innerhalb von Garden Heights eine ausgeprägte rassistische Haltung gegenüber der Weißen - auch etwas, das Starr hautnah erfährt, denn sie hat einen weißen Freund und verschweigt es ihrem Vater, der dazu eine klare Meinung hat.

Ihr seht also: Die Handlung von The Hate U Give ist unglaublich komplex, vielschichtig und aufrüttelnd. Hinter jedem Wort steckt eine Botschaft, die gerade in der heutigen Zeit so wichtig ist. Mit Starr hat Thomas einen starken, zugleich aber auch zerbrechlichen Charakter geschaffen, der quasi zwei Leben führt und verzweifelt versucht, beide miteinander zu verbinden. Starr ist eine starke Identifikationsfigur, was die Geschichte umso emotionaler und bewegender macht. Alles, was rundum den Tod von Khalil passiert, aber auch dieser subtile Alltagsrassismus, den viele von uns gar nicht mehr wahrnehmen, für die Betroffenen aber jedes Mal ein weiterer Stich ins Herz ist, nimmt einen unglaublich mit. Dazu erzählt Thomas auf besonders eindringliche Weise und versteht es meisterhaft, die chaotischen Gedanken eines Teenagers zu all diesen entsetzlichen Geschehnissen, in Worte zu fassen. Diese Worte klingen übrigens unglaublich authentisch, denn wenn Starr mit den Schwarzen aus Garden Heights spricht, verwendet sie Ghetto Slang, um dazuzugehören, während sie sich in der Schule betont gewählt ausdrückt. Das ist ein weiterer Aspekt, der Starrs innere Zerrissenheit deutlich zum Ausdruck bringt.

Doch es gibt in Thomas' Buch natürlich auch Dinge, die einem Mut machen. Sei es der starke Zusammenhalt innerhalb Starrs Familie und innerhalb des ganzen Viertels selbst, sei es Starrs fester Freund Chris, der sich von all den Vorurteilen gegenüber seiner Freundin und ihrer Herkunft nicht beeindrucken lässt und für sie Partei ergreift, oder sei es der starke Rückhalt aus der Bevölkerung, den Starr als Zeugin des Mordes an Khalil erfährt. Wie schon gesagt - in The Hate U Give wird nicht nur eine Seite der Medaille gezeigt - es ist nicht alles einfach nur Schwarz oder Weiß. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und es ist einfach sensationell, wie es Angie Thomas gelingt, eine zugleich brandaktuelle und politische, aber auch spannende und zutiefst bewegende Geschichte zu erzählen. Dieses Buch zieht einen in einen Sog und lässt einen nicht mehr los. Man kann und will es nicht aus der Hand legen. Ich zumindest bin am Ende tieftraurig, schockiert, entsetzt, aber auch hoffnungsvoll und einfach froh darüber, dass ich diese Geschichte gelesen habe.

"'Daddy, du bist der Schlimmste zum Harry-Potter-Anschauen. Andauernd fragst du nur [...], warum knallen die diesen Nigga Voldemort denn nicht ab?' 'Hey, weil es einfach keinen Sinn ergibt, dass in den ganzen Filmen und Büchern noch keiner dran gedacht hat, ihn abzuknallen.'" (S. 192)

"Ich habe alles richtig gemacht, und es hat einen Scheiß gebracht. Ich habe Todesdrohungen bekommen, Cops haben meine Familie schikaniert, jemand hat in mein Haus geschossen, lauter solcher Bullshit. Und wofür? Eine Gerechtigkeit, die Khalil nicht bekommt? Die scheren sich doch einen Dreck um uns. Also schön, dann kümmert es mich auch einen Dreck!" (S. 436)

Und wieder ist es ein Jugendbuch, das mich ohne Wenn und Aber begeistert hat. Die Geschichte, die Angie Thomas in The Hate U Give erzählt, ist nicht nur unglaublich wichtig und authentisch, sondern auch von Anfang bis Ende fesselnd, berührend und wahnsinnig echt. Diese Worte können einfach niemanden kalt lassen, genauso wenig wie das Schicksal von Starr, Khalil und all den anderen im Ghetto Vergessenen. Lest dieses Buch! Lest es!




Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom cbt Verlag zur Verfügung gestellt. Dafür ein herzliches Danke!

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