Donnerstag, 16. November 2017

REZENSION: "Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary" (Ari Folman, David Polonsky, Anne Frank)

© S. Fischer Verlag

Titel: Das Tagebuch der Anne Frank
Autor: Ari Folman, David Polonsky, Anne Frank
Genre: Graphic Diary / Graphic Novel
Verlag: S. Fischer
Erscheinungsjahr: 2017
Format: Hardcover (20,00 €)
Seiten: 160
ISBN: 978-3-10-397253-5


Anne Frank ist 13 Jahre alt, als sie im Sommer 1942 zusammen mit ihrer Familie untertaucht, um den Deportationen der Nazis zu entgehen. Gemeinsam mit der Familie van Pels und Fritz Pfeffer verstecken sich die Franks zwei Jahre lang in einem Hinterhaus - in ständiger Angst vor der Entdeckung und angewiesen auf ihre mutigen Helfer. Für die lebensfrohe und aufgeweckte Anne ist es eine besonders schwierige Zeit, in der sie akribisch Tagebuch führt. Das Schreiben ist für sie die Möglichkeit, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen - fast schon eine Notwendigkeit, die sie im Hinterhaus am Leben erhält...
"Das Tagebuch der Anne Frank" ist der meistgelesene Zeitzeugenbericht aus der Zeit des Holocaust. Annes Geschichte bewegt noch immer Millionen von Menschen auf der ganzen Welt. Ari Folman und David Polonsky haben diese Geschichte mit dem Graphic Diary in eine neue Form gebracht und Annes Gefühle auf einzigartige Weise illustriert.

Passenderweise ist das Cover im selben Stil gestaltet wie die Zeichnungen im Inneren des Buches. Mir gefallen die Illustrationen unglaublich gut, weil sie an Fotos und andere Darstellungen der historischen Personen angelehnt sind (so wie Anne in typischer Pose mit Stift und Tagebuch), aber dennoch ganz eigen und noch einmal auf eine andere Art und Weise kraftvoll wirken.

Das hier wird ganz sicher eine der emotionalsten Rezensionen, die ich je verfasst habe. Das merke ich allein daran, dass ich jetzt ungefähr eine halbe Stunde lang auf den Bildschirm gestarrt habe, bevor ich überhaupt zu schreiben beginnen konnte. Anne Frank begleitet mich bereits seit meiner Kindheit - als junges Mädchen habe ich ihr Tagebuch zum ersten Mal gelesen und anschließend die meiner Meinung nach überragende Verfilmung mit Ben Kingsley und Hannah Taylor Gordon sowie sämtliche Dokumentationen, die ich in die Finger bekam, in mich aufgesogen. Ich muss zugeben, dass ich das Tagebuch selbst damals noch sehr langatmig fand. Ich hatte es mir spannender vorgestellt und es gab viele Dinge, die ich - jung wie ich war - einfach noch nicht verstand. Heute ist das natürlich anders und mir bleibt die Luft weg, wenn ich daran denke, was für ein unglaubliches und vor allem unglaublich begabtes Mädchen Anne Frank war. Und mir bleibt das Herz stehen, wenn ich an ihr Schicksal denke und an das der anderen Bewohner des Hinterhauses in der Prinsengracht.

Ich bin mir sicher, dass alle, die auf den Link zu meiner Rezension geklickt haben, wissen, wer Anne Frank war. Die meisten haben vermutlich auch ihr Tagebuch gelesen und kennen ihre Geschichte. Ich kann euch sagen: Umso schwerer und emotionaler ist es, dieses Stück Weltliteratur (nichts anderes ist Das Tagebuch der Anne Frank mehr als 70 Jahre nach seiner Niederschrift) noch einmal zu erleben. Und "erleben" ist definitiv das richtige Wort, denn diese Neuauflage, grandios umgesetzt von Ari Folman und David Polonsky, hebt all das, was Anne vor so vielen Jahren niederschrieb, noch einmal auf eine völlig neue Stufe. Aber was genau ist dieses Graphic Diary eigentlich?

Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary enthält viele Passagen aus dem Original-Text, ist aber in erster Linie eine Neu-Interpretation von Anne Franks Tagebuch. Wie muss man sich das vorstellen? Ari Folman und David Polonsky haben den Original-Text als Vorlage genommen und auf dessen Basis Annes Geschichte nach konstruiert und mit aussagekräftigen und unglaublich gewaltigen Illustrationen untermalt. Annes Gefühle werden unter anderem durch Träume und Gespräche dargestellt, abstrakte Gedanken nachvollziehbar und eindrucksvoll verbildlicht. Ein Stück weit ist diese Neuauflage also keine Comic-Version des Tagebuchs (Ari Folman sagt im Nachwort selbst, dass das unmöglich gewesen wäre, weil man alleine für die Illustrationen wohl locker 10 Jahre gebraucht hätte), sondern vielmehr eine Hommage an Anne und ihre Geschichte.

Die Graphic Novel ist dabei nah genug am Original, um wahnsinnig authentisch und bewegend zu wirken, geht aber eben auch neue Wege, um das Tagebuch noch intensiver und nachvollziehbarer für den Leser zu machen. Folman und Polonsky gelingt es, Leser und Autorin/Protagonistin noch näher zusammenzubringen, was vermutlich besonders für junge Leser ein großer Pluspunkt ist. Diese Version des Tagebuchs ist nicht nur kompakter, sondern vor allem greifbarer und unmittelbarer. Für mein Empfinden haben die Autoren Annes Gefühlsleben und ihre Gedanken perfekt transferiert und transportiert. Sowohl die Illustrationen als auch die Gespräche und die Auszüge aus dem Original-Tagebuch spiegeln Annes Persönlichkeit als impulsives, charakterstarkes und sehr empfindsames Mädchen mit einer außerordentlichen Begabung überragend gut wieder. Annes Worte werden spektakulär untermalt und verlieren absolut nichts von ihrer Tiefsinnigkeit und Wahrheit.

Denn bei diesem zweiten Lesen des Tagebuchs (wenn auch in anderer Form) ist mir erst einmal klar geworden, was für ein unglaubliches Mädchen Anne Frank war. Wie sie schon in jungen Jahren zu schreiben vermocht hat - Wahnsinn! Wie sie ihren Gefühlen Ausdruck verleiht und auch in den bedrückendsten Situationen nie die Hoffnung verliert - einfach bewundernswert. Das macht ihre Geschichte umso tragischer, denn man liest auch diese Version des Tagebuchs durchgängig in dem Bewusstsein, dass Anne und sechs ihrer sieben Mitbewohner im Hinterhaus das Ende des Krieges nie erleben, dass sie nie das machen und das werden können, was sie sich erträumten. Trotzdem hat mich diese Erkenntnis am Ende aufs Neue umgehauen. Annes Aufzeichnungen enden abrupt und es ist so schmerzhaft, diese letzte Tagebuchseite zu lesen und im Kopf genau zu wissen, wie es für die Franks, van Pels' und für Herrn Pfeffer weitergegangen ist...

Nachtrag:

Am 8. August 1944 werden Anne, ihre Familie und die anderen Untergetauchten von Amsterdam in das niederländische Durchgangslager Westerbork transportiert und von dort aus etwa einen Monat später nach Auschwitz deportiert. Hermann van Pels überlebt dort nicht lange und wird ungefähr einen Monat nach der Ankunft in Auschwitz in den Gaskammern ermordet. Fritz Pfeffer wird von Auschwitz aus in das Konzentrationslager Neuengamme verlegt und stirbt im Dezember infolge der katastrophalen Zustände in der dortigen Krankenbaracke. Edith Frank bleibt in Auschwitz zurück und stirbt im Januar 1944 an Entkräftung. Margot und Anne werden nach Bergen Belsen in Deutschland transportiert und erkranken im Frühjahr 1945 wie Tausende andere Häftlinge an Typhus. Sie sterben kurz hintereinander. Auch Auguste van Pels, die zwischenzeitlich ebenfalls in Bergen Belsen untergebracht war und dort Anne und Margot wieder traf, wird im Frühling 1945 ermordet. Ihr Sohn Peter wird auf einen der Todesmärsche von Auschwitz nach Mauthausen geschickt und stirbt dort am 5. Mai 1945 - 3 Tage vor der Befreiung. Von den 8 Untergetauchten im Hinterhaus ist Otto Frank der einzige Überlebende - er kehrt nach der Befreiung von Auschwitz durch die rote Armee im Januar 1945 etwa fünf Monate später nach Amsterdam zurück und erhält von Miep Gies Annes Tagebücher...

Ganz viele Hintergrundinformationen findet ihr übrigens auch unter annefrank.org - eine fantastische Seite, die so viel aufarbeitet!

"Im Menschen ist nun mal ein Drang zur Vernichtung, ein Drang zum Totschlagen, zum Morden und Wüten, und solange die ganze Menschheit, ohne Ausnahme, keine Metamorphose durchläuft, wird Krieg wüten, wird alles, was gebaut, gepflegt und gewachsen ist, wieder abgeschnitten und vernichtet, und dann fängt es wieder von vorne an." (S. 130)

"Aber wer betrachtet die Frau auch als Kämpferin? Frauen sind viel tapferere, mutigere Soldaten, die mehr kämpfen und für den Fortbestand der Menschheit mehr Schmerzen ertragen als die vielen Freiheitshelden mit ihrem großen Mund! Die Männer haben leicht reden, sie haben die Unannehmlichkeiten der Frauen nie ertragen müssen und werden es auch nie tun müssen." (S. 139)

Das Tagebuch der Anne Frank ist ein wichtiges Stück Welt- und Literaturgeschichte - und es ist ein Muss. Die Graphic Novel nähert sich diesem einzigartigen Mädchen jedoch noch einmal auf eine ganz neue Art und Weise und erweckt Annes Worte einmal mehr zum Leben. Ich liebe die Illustrationen und bewundere das Feingefühl, mit dem Folman und Polonsky an diesen einzigartigen und so traurigen Stoff herangegangen sind. Diese Version lohnt sich definitiv nicht nur für Kinder, sondern für alle, die Anne Franks Leben schätzen und sich an sie erinnern wollen. Ein Buch für alle! Wirklich alle!



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