Samstag, 25. November 2017

REZENSION: "Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance" (Estelle Laure)

Copyright Fischer KJB

Titel: Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance
Autor: Estelle Laure
Genre: Jugendroman
Verlag: Fischer KJB
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Hardcover (14,99€), E-Book
Seiten: 256
ISBN: 978-3-7373-5326-7
14 Tage - so lange ist es her, seitdem Lucilles und Wrens Mutter gegangen ist, ohne eine Nachricht, wo man sie erreichen könnte. Aber das darf niemand wissen, sonst würde das Sozialamt vor der Tür stehen.  Für Lulu wird es immer schwerer, sie beide über Wasser zu halten. Schon bald geht ihnen das Geld aus, sodass sie die Rechnungen nicht bezahlen kann. Als wäre sie mit der Schule und der Verantwortung für ihre Schwester noch nicht ausgelastet, muss sie sich nun auch noch einen Job suchen. zum Glück gibt es ihre beste Freundin Eden und deren Bruder Digby, die ihr unter die Arme greifen. Und in diesem ungünstigten aller Momente verliebt sich Lulu bedingungslos - ausgerechnet in den Jungen, den sie ihr ganzes Leben kennt und der in festen Händen ist: Digby.

Meinen persönlichen Geschmack trifft das Cover nicht wirklich, da es im grunde nur aus Text besteht. Mir fehlen hier einfach visuelle Anhaltspunkte, was man ungefähr erwarten könnte.

Estelle Laures literarisches Debüt ist gleich ein Volltreffer in der Jugendbuchsparte. Schon nach den ersten Sätzen war ich von der Geschichte und der Protagonistin Lucille (aka Lulu) gefangen. Ich weiß nicht, was das über meinen Charakter aussagt, aber ich lese gerne von Jugendlichen in komplizierten, nicht zusagen katastrophalen Situationen. Je schwerwiegender und bestürzender die Probleme und je auswegsloser der Kampf scheint, desto mehr spricht mich die Handlung in der Regel an. Möglicherweise liegt das daran, dass solche Storys automatisch an mein Mitgefühl appellieren, zumindest war das hier definitiv der Fall. Ich würde unter gar keinen Umständen mit Lulu und Wren tauschen wollen. Von beiden Elternteilen im Stich gelassen zu werden, während man selbst noch nicht erwachsen und dazu gezwungen ist, quasi über Nacht seine Kinderschuhe abzustreifen und sich einer Verantwortung zu stellen, die selbst Erwachsene manchmal nicht bewältigen können, ist einfach heftig. Die Wut und Verzweiflung, die die Schwestern gefühlt haben, habe auch ich die ganze Zeit während des Lesens empfunden. Das Schlimme ist, dass Lulu - ohne an dieser Stelle zu viel zu verraten - im Verlauf der Handlung sogar noch weitere herbe Schläge einstecken muss. Der einzige Lichtblick in all dem Chaos ist Digby, der Lulus Hormone in Aufruhr versetzt. Ihre Gefühle sind fast schon schmerzlich intensiv, weshalb sie eher ihr Leid noch verstärken als es zu mindern. Manchmal waren die Schilderungen ihres Liebesdilemmas zwar haarscharf an der Grenze zu übertriebener Melodramatik, aber ich konnte darüber meistens hinwegsehen, weil die beiden in Kombination einfach funktioniert haben.
Es sind aber nicht nur die dramatischen Umstände allein, die dazu beitragen, dass mir Romane wie dieser unter die Haut gehen, sondern vor allem die Kombination mit Charakteren, die die Last schultern können, statt unter ihr zusammenzubrechen und somit ihre Stärke demonstrieren. Solche Figuren habe ich in diesem Roman definitiv gefunden. Neben Lulu, die mich durch ihr Durchhaltevermögen, ihre Entschlossenheit und ihre Opferbereitschaft beeindruckt hat (ich kann Fred in jedem Punkt seiner Ansprache nur zustimmen), hat mich auch ihre Schwester Wren überwältigt, da sie mit gerade einmal neun (bzw. zehn) Jahren unglaublich viel Reife an den Tag gelegt hat. Auch die übrigen Menschen in Lulus Leben waren (überwiegend) grandios, selbst wenn sie weniger tragende Rollen inne hatten.
Der einzige Aspekt, der mir gelegentlich gestört hat, war der häufig sehr abgehackte Erzählfluss durch die Aneinanderreihung recht kurzer Hauptsätze. An sich passte es gut zu Lulus innerlicher Zerissen- bzw. Gebrochenheit, aber gerade in den "schönen" Momenten hat es mich daran gehindert, diese zu genießen und mich mal fallen zu lassen. Abgesehen davon fand ich Laures Art, Lulus Innenleben in Worte zu fassen und Ereignisse zu schildern, super. Sie hat das Geschehen außerdem nicht unnötig in die Länge gezogen, sondern für meinen Geschmack genau den richtigen Umfang gewählt. *** Mini-Spoiler*** Am Schluss sind zwar viele Probleme noch immer nicht gelöst, aber es gibt zumindest einen Schimmer Hoffnung am Horizont. Und das ist schließlich der letzte Punkt, der mir bei solchen zermürbenden Büchern wichtig ist: dass sie einem die Botschaft vermitteln, dass es nach jeder noch so steilen Talfahrt doch immer wieder bergauf geht, solange man nicht aufgibt.

"Wie kann ein Mensch, der nie mehr war als Beiwerk in dem Haus, das dein Leben ist - ein hübscher Tisch vielleicht -, plötzlich zum Fundament, zu den Leitungen, zur tragenden Säule werden, ohne die das ganze Gebäude einstürzen würde? Wie wird aus einem Stern, den du kaum bemerkst, deine ganz persönliche Sonne?" (S. 17)

"Nur weil man den Riss nicht sieht, heißt es nicht, dass er nicht da ist." (S. 98)

Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance gelesen zu haben, habe ich in keinerlei Hinsicht bereut. Die Autorin hat Lulus und Wrens Geschichte berührend erzählt, sodass ich mit ihnen mitgelitten habe. Der Roman ist voll von wunderbaren, nicht perfekten, aber doch inspirierenden Charakteren, die mich in meinen Glauben an das Gute im Menschen bestärkt haben. Zum Stolperstein wurde für mich lediglich die hauptsatzlastige Erzählweise. 

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