Mittwoch, 22. November 2017

REZENSION: "Ich schwöre!" (Marc Hudek)

© Marc Hudek


Titel: Ich schwöre!
Autor: Marc Hudek
Genre: Jugendroman
Verlag: Selfpublishing
Erscheinungsjahr: 2017
Format: Taschenbuch (9,99 €)
Seiten: 216
ISBN: 978-3-7439-5317-8


So richtig im Leben angekommen ist der zwanzigjährige Sportstudent Lenny noch nicht. Zwischen Pflichtveranstaltungen an der Uni, von denen er ganz gerne auch mal eine auslässt, und dem gemeinsamen Abhängen im Jugendclub passiert in Lennys Leben nicht besonders viel. Bis eines Tages ein mysteriöser Mann namens Omar seine Gesprächsrunden im Jugendclub abhält und Lennys einzige Freunde, Yussuf und Faris, Knall auf Fall rekrutiert - für den IS. Aus heiterem beschließen Yussuf und Faris, sich den Salafisten anzuschließen und für einen islamischen Staat in Syrien zu kämpfen. Und nun steht gerade der trottelige Lenny vor der kniffligen Aufgabe, seine Freunde vor den Terroristen und vor allem vor sich selbst zu retten. Da kann er Ablenkung in Form der attraktiven Rollstuhlfahrerin Anna eigentlich nicht gebrauchen...

Mir persönlich ist das Cover deutlich zu dunkel, obwohl ich die schlichte und dabei aussagekräftige Gestaltung auf jeden Fall mag. Der Schriftzug und der umgedrehte Halbmond greifen die Thematik in eindringlicher Art und Weise auf - ein bisschen weniger Schwarz und es wäre perfekt gewesen.

Brandaktuell, modern, polarisierend - mit diesen Worten würde ich Marc Hudeks Jugendroman Ich schwöre! kurz und knapp zusammenfassen. Bevor ich aber allzu weit abschweife, möchte ich euch natürlich erst einmal verraten, worum es in diesem Buch überhaupt geht. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Lenny, einem nicht sehr willensstarken, eher weichgespülten und leicht hypochondrischem Sportstudenten, der nachvollziehbarerweise nicht besonders beliebt und auch nicht gerade sympathisch ist. Anfangs kann einen dieser "Lari-Fari"-Typ schon etwas befremden, aber er bringt auch eine ordentliche Portion Witz in die ansonsten doch sehr ernste Story - also nicht abschrecken lassen, man gewinnt Lenny noch lieb. ;)

Es verwundert wenig, dass Lenny lediglich zwei echte Freunde hat und dass es sich bei diesen ebenfalls um etwas verwunderliche und verschrobene, wenn auch liebenswerte Käuze handelt. Bei der Beschreibung von Yussuf und Faris lässt Hudek einige Klischees einfließen, allerdings spielt er gekonnt mit ihnen, sodass das Ergebnis durchaus überzeugt. Und Hudek stößt den Leser von Anfang an mit der Nase auf das Kernproblem: Yussuf ist ein missverstandener Einzelgänger, ein Philosoph, der gerne schwadroniert und immer ernst ist; Faris ein weniger intelligenter Mitläufer, der sich allzu leicht mitreißen lässt. Obwohl beide in Deutschland geboren sind und nicht aus streng religiösen Familien kommen, sind sie die perfekten Rekruten für die Terrororganisation des IS. Weil Yussuf sich endlich mal verstanden fühlt und Faris zum ersten Mal in seinem Leben ein Ziel vor Augen hat.

Durch Lennys Augen beobachtet der Leser also, wie sich dessen Freunde immer mehr verändern. Wie ihnen wirre Ideen und Dogmen eingepflanzt werden und wie sie (von Lennys Standpunkt aus betrachtet völlig aus der Kalten heraus) urplötzlich das Gefühl haben, dass sie in Deutschland in der Ausübung ihrer Religion eingeschränkt werden und dass es ihre Aufgabe ist, sich für den Islam stark zu machen. Es ist ein brandheißes, aktuelles und wichtiges Thema, das Hudek da aufgreift. Und mit der Art und Weise, wie er das macht, trifft er für mich genau ins Schwarze. Hudek beleuchtet das Thema zum einen von verschiedenen Standpunkten aus, was einfach unheimlich wichtig ist, um diesen Prozess vom "normalen" Jugendlichen zum Salafisten zu verstehen. Zum anderen geht er mit einer ordentlichen und dabei gut dosierten Portion Humor an die Sache heran.

Die Situation, die Hudek erschafft, ist aus dem Leben gegriffen - ebenso wie seine Charaktere. Aus sozialen Brennpunkten, perspektivlos, irgendwie verloren. Gleichzeitig ist Lenny, dieser lasche Typ, eine so tragisch-komische Heldenfigur, dass das ein oder andere Schmunzeln nicht ausbleibt. Für mich wird das Thema IS hier sehr gut aufgegriffen und verarbeitet - und vor allem verständlich und Teenager-gerecht. Allerdings habe ich mich anfangs doch etwas schwer getan mit Lenny und es gibt auch ein paar Handlungselemente, die meiner Meinung doch recht deplatziert wirkten. Beispielsweise die Liebesgeschichte zwischen Lenny und Anna, die zwar Charme hat, aber ziemlich reingepresst wirkt. Oder auch, wie sich am Ende alles auflöst. Hier fehlten mir dann doch sinnvolle Lösungsansätze und die zuvor so hervortretende Authentizität ging ein Stück weit verloren. Ansonsten ist der Roman aber unheimlich klug, ehrlich und zugleich ernst und humorvoll geschrieben, was für mich ein immens großer Pluspunkt ist.

"Ich glaube auch, dass die Anführer allesamt lebende Beweise für die Richtigkeit des berühmten Marx-Spruchs sind, Religion ist das Opium des Volkes. Diese Islamisten-Chefs sind doch von ihrer Religion einfach total eingelullt. Wenn ich zu viele Haschkekse esse, weiß ich auch nicht mehr, was ich tue. Der große Unterschied ist nur, dass ich keinen zwinge, auch Haschkekse zu essen, und wer sich weigert, dem hau ich auch nicht den Kopf ab." (S. 42)

"Gott ist für mich ein Zustand, in dem alle Menschen auf der Welt friedlich nebeneinander und miteinander leben. Also ist Gott leider eine Illusion, ein Traum, denn dieser Zustand wird niemals eintreten. Aber jeder Mensch sollte diesen Traum von Gott haben. [...] Diese IS-Terroristen haben diesen Traum nicht. Sie träumen nur von Macht und Gewalt. Sie tun mir leid." (S. 79)

Mit viel Witz, Charme und dem angebrachten Ernst nähert sich Marc Hudek in Ich schwöre! einem brandaktuellen und wichtigen Thema. Und diese Mischung macht das Buch für mich zu einem wirklich guten Jugendroman. Es gibt zwar ein kleine Abzüge, weil die Geschichte gegen Ende etwas von ihrer Authentizität verliert, insgesamt aber eine absolute Leseempfehlung.




Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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