Sonntag, 26. November 2017

REZENSION: "Neanderthal" (Jens Lubbadeh)

© Heyne Verlag


Titel: Neanderthal
Autor: Jens Lubbadeh
Genre: Thriller / Science Fiction
Verlag: Heyne
Erscheinungsjahr: 2017
Format: Klappenbroschur (14,99 €)
Seiten: 528
ISBN: 978-3-453-31825-0


Deutschland in den 2050er Jahren: Durch Genmanipulationen im Mutterleib werden Behinderungen, Krankheiten und Schönheitsfehler systematisch abgeschafft. Die Gesundheit gilt als höchstes Ideal - wer dem Sozialstaat durch den übermäßigen Genuss von ungesundem Essen, Alkohol oder Drogen mutwillig zur Last fällt, wird von der Krankenkasse sanktioniert und von der Gesellschaft geächtet. Kommissar Nix findet sich in dieser Welt nur schwer zurecht - umso mehr, als er den mysteriösen Tod eines Mannes untersuchen muss. Denn die Leiche ist seltsam deformiert - handelt es sich um einen weiteren Ehrenmord an einem Behinderten? Doch die Spur führt zu einem grausigen Massengrab im Neandertal bei Düsseldorf. Die Untersuchung durch Experten ergibt: Bei den Toten handelt es sich um Neandertaler. Ein Sensationsfund von ungeahnter Brisanz, denn die Knochen sind gerade einmal 30 Jahre alt. Nix und die Anthropologen Sarah und Max sind einem Skandal auf der Spur, der das neue Deutschland in seinen Grundfesten erschüttern könnte...

Das Cover finde ich großartig. Nicht nur, dass es sich besonders toll anfühlt (der Einband ist matt) - ich mag vor allem die düstere Farbgebung und den leicht schimmernden Schädel als einziges Grafikelement auf dem Cover. Für mich großartig und passend zur Thematik gestaltet.

Mit ebenso faszinierenden wie verstörenden Ideen hat mich schon Jens Lubbadehs Romandebüt Unsterblich absolut umgehauen. Es gab zwar das ein oder andere, das mich an diesem Buch nicht ganz überzeugen konnte, aber ich war so gespannt darauf, was Lubbadeh in seinem neuen Roman wieder vorhat, dass ich Neanderthal einfach lesen musste. Und tatsächlich: Auch zwei Tage nach dem Lesen bin ich immer noch baff. Verstört. Angeekelt. Auf eine düstere Art und Weise fasziniert. Lubbadeh ist es mit der Geschichte um einen mysteriösen Knochenfund und die beispiellose Vertuschungsaktion dahinter gelungen, mich komplett in seinen Bann zu ziehen.

Schon die Ausgangssituation und das Bild von einem Deutschland 30 Jahre in der Zukunft sind ebenso genial wie abstoßend und erschreckend realistisch konstruiert. Denn im Deutschland der 2050er herrscht (wieder einmal) eine strenge Diktatur. Das Ministerium für Gesundheit und Glück steht an der Spitze einer zweifelhaften Gesellschaftspolitik, in der Menschen, die anders sind, keinen Platz haben. Durch Genmanipulationen werden Behinderungen, Erbkrankheiten, Suchtprobleme und schwere Volkskrankheiten wie Diabetes und Adipositas systematisch ausradiert. Klingt auf den ersten Blick erstrebenswert und gut - schließlich arbeitet man genau daran ja heute schon mit Hochdruck. Aber wie genau entwickelt sich eine Gesellschaft mit diesem wissenschaftlichen Fortschritt? Lubbadeh zeichnet hier ein erschreckendes Szenario, das leider jedoch ziemlich vorstellbar scheint.

Die Deutschen in den 2050er Jahren sind alle gleich - beziehungsweise sie streben danach, gleich zu sein. Gesund, fit, schön. Wer anders ist, sich nicht den regelmäßigen Gesundheitstests und Genmanipulationen unterzieht oder sich gar selbstverschuldet einer Sucht hingibt und sich absichtlich nicht fit hält, wird geächtet, ausgegrenzt und sogar von den Krankenkassen sanktioniert. Denn diese "regieren" Deutschland inoffiziell. Und mal ehrlich: Ist das nicht jetzt schon teilweise so? Lubbadeh nimmt unsere heutige Gesellschaft und treibt den Wahn vom Perfektsein auf die Spitze, um zu zeigen, wohin das alles in der Zukunft führen kann. Absolute Gesundheitskontrolle durch den Staat, maximale Abhängigkeit von den Krankenkassen, der ständige Druck, genauso zu sein, wie alle sind. Für mich ist das eine entsetzliche Vorstellung. Natürlich - Erbkrankheiten und den Ausbruch bestimmter Erkrankungen sicher verhindern zu können, klingt erstmal fantastisch. Aber Lubbadeh gibt zu bedenken, dass es immer zwei Seiten der Medaille gibt. Und wer das eine ausradiert, beschwört damit vielleicht das andere herauf...

Wer jetzt denkt, das Ganze klingt doch verdächtig nach Rassenwahn, Eugenik und Euthanasie - der liegt goldrichtig. Denn Lubbadeh nimmt nicht nur unterschwellig Bezug auf den Nationalsozialismus, sondern immer wieder ganz explizit und offensichtlich. Etwa durch Begriffe wie "Gesundheitsfaschismus" oder eben die Ausgrenzung von Behinderten, die (vom Staat nur leicht bestraft und eher geduldet) vermehrt Ehrenmorden durch eigene Familienmitglieder zum Opfer fallen, damit diese die Schande nicht mehr ertragen müssen. Holla - Lubbadeh gibt uns in Neanderthal eine immense Menge Stoff zum Nachdenken und bringt uns vor allem dazu, uns selbst und unsere Ideale zu reflektieren. Der Traum vom perfekten Leben, vom perfekten Körper - ist der am Ende wirklich so perfekt?

Zu dieser verstörenden Ausgangssituation kommt dann ein mysteriöser Todesfall hinzu, der einen Skandal ins Rollen bringt, der die gesamte Gesundheitspolitik in Deutschland ins Wanken bringen könnte. Der Fund einer seltsam deformierten Leiche führt Kommissar Nix und seine Kollegen zu einem Massengrab im Neandertal bei Düsseldorf - dem Ort, an dem die ersten Überreste eines Neandertalers gefunden wurden. Und seltsamerweise zeigen die Toten im Massengrab eindeutige Merkmale der Spezies Homo neanderthalensis, liegen jedoch noch nicht einmal seit 100 Jahren dort. Nix steht vor einem Rätsel und lässt die Knochen von den Anthropologen Sarah und Max untersuchen - beide sind "anders" (Sarah mit über 2 m deutlich zu groß für eine Frau, Max ein Gehörloser in einer Welt, in der es kaum noch Menschen mit Behinderung gibt). Der Fall entwickelt sich in einem rasanten Tempo zu einem unfassbaren Skandal und wird mit jedem aufgedeckten Puzzlestückchen verworrener und spannender.

Lubbadeh taucht tief ein in die Welt der Genmanipulationen, wirft das auch im Deutschland der 2050er noch heiß umstrittene Thema des illegalen Klonens auf und zieht den Leser tief hinein in einen Strudel aus Wissenschaft und Ethik. Ich möchte natürlich nicht zu viel verraten, aber was es mit den mysteriösen Neandertaler-Knochen auf sich hat, ist so absurd, dass es schon fast wieder möglich erscheint. Ich war unglaublich fasziniert von Lubbadehs Ideen - irgendwie ist Neanderthal ein bisschen wie ein Unfall. Es ist furchtbar, schrecklich, grausam und man möchte wegsehen. Doch man kann nicht, weil es einen trotz allem auf eine morbide Art und Weise fasziniert. Was für eine geniale Konstruktion!

Für mich ließ sich Neanderthal wesentlich besser lesen als Lubbadehs Romandebüt. Die Geschichte ist spannender, brisanter, verstörender. Aber sie hat trotz allem wieder ein paar Problemchen, die mich etwas gestört haben. Vor allem fehlte der Handlung meiner Meinung nach ein klarer Fokus. Man geht anfangs davon aus, dass Komissar Nix der Protagonist ist, doch bereits nach den ersten Kapiteln wird er von den Wissenschaftlern Sarah und Max abgelöst. Lubbadeh springt von Protagonist zu Protagonist und erschwert es dem Leser damit, mit den Charakteren mitzufiebern. Tatsächlich werden die handelnden Personen teilweise auf einzelne Merkmale reduziert (Sarah auf ihre Größe und körperlichen Makel, Max auf seine Taubheit, die Gegenspieler auf ihre Verbissenheit und Skrupellosigkeit) und sind mir daher etwas zu stereotyp und zu wenig menschlich. Nicht gekennzeichnete Zeitsprünge (teilweise über 20 bis 30 Jahre) und Ortswechsel stören den Lesefluss zusätzlich - handwerklich ist hier also auf jeden Fall noch allerhand Luft nach oben. Thematisch und spannungstechnisch aber ist dieses Buch sensationell!

Ein Buch, das man nicht aus der Hand legen kann, selbst wenn man es wöllte. Jens Lubbadehs Neanderthal ist unfassbar spannend, faszinierend, verstörend - und diese wirren und doch so vorstellbaren Ideen lassen einen so schnell nicht los. Für mich die perfekte Mischung aus großer Unterhaltung und aktuellem Zeitbezug - auch wenn die Handlung hier und da ein paar kleine Schwächen hat. Über diese sieht man angesichts der brisanten und rasanten Entwicklungen jedoch leicht hinweg.




Dieses Buch wurde mir vom Heyne Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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