Donnerstag, 11. Januar 2018

REZENSION: "Green River Killer" (Jeff Jensen, Jonathan Case)

© Carlsen Comics

Titel: Green River Killer. Die wahre Geschichte eines Serienmörders
Autor: Jeff Jensen und Jonathan Case
Genre: Graphic Novel
Verlag: Carlsen Comics
Erscheinungsjahr: 2014
Format: Hardcover (18,90 €)
Seiten: 240
ISBN: 978-3-551-73644-4


Gary Ridgway gilt als einer der grausamsten Serienmörder in der Geschichte der USA und wurde nach dem Fundort seiner ersten Opfer von Presse und Polizei der Green River Killer genannt. Von 1982 bis 2001 ermordete er mindestens 49 Frauen in der Umgebung Seattles, wobei es sich bei den Opfern fast ausnahmslos um Prostituierte handelte. Als Mitglied der Sonderkommission "Green River Killer" war Tom Jensen Ridgway jahrelang auf der Spur, doch erst mithilfe einer DNA-Analyse im Jahr 2001 konnte er nach fast 20 Jahren endlich verhaftet und angeklagt werden. 
Aus der Perspektive seines Vaters erzählt Jeff Jensen die wahre Geschichte des Green River Killers und von der zermürbenden Suche nach seinem Motiv - zu Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Jonathan Case.

Das Cover gefällt mir eigentlich ganz gut (ich mag vor allem die Farben), sieht aber komischerweise auch ein bisschen sehr nach Jugend-Comic aus. Und das ist es schon allein aufgrund der düsteren Thematik definitiv nicht.

Dieses spannende Buch hat überraschend den Weg zu mir gefunden, denn ein lieber Freund hat es mir zum Geburtstag geschenkt und damit mein gerade erst aufkommendes Interesse an Graphic Novels nochmal befeuert. Ich bin nicht unbedingt der große Comicleser, mag es lieber realistischer und wenn die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht - umso besser! Green River Killer - Die wahre Geschichte eines Serienmörders von Jeff Jensen und Jonathan Case passt also perfekt in mein Beuteschema. Vor allem Serienmörder üben auf mich (wie vermutlich auch auf viele von euch) eine dunkle, morbide Faszination aus. Es ist einfach eine besondere Art von schaurigem Nervenkitzel, in die Psyche eines vielfachen Killers abzutauchen.

Die Geschichte von Gary Ridgway ist dabei in vielerlei Hinsicht einzigartig. Zum einen ist er mit mindestens 49 Opfern (vermutet werden über 70) ein besonders brutaler, grausamer und ja, produktiver Serienmörder. Zum anderen mordete er beinahe über 20 Jahre hinweg (von 1982 bis 2001), ohne geschnappt zu werden. Und (und das ist für mich der verstörendste Aspekt): So wie Jeff Jensen ihn nach den Erinnerungen seines Vaters schildert, wirkt der Green River Killer erschreckend normal, harmlos, einfach menschlich. Und das ist es, was mich an dieser Graphic Novel so fasziniert. Sie stellt Gary Ridgway natürlich als den skrupellosen Mörder dar, der er ist, aber sie zeigt auch, dass er trotz allem ein Mensch ist - sie zeigt die zwei Seiten eines Killers und nicht einfach nur die entmenschlichte Bestie, als die man ihn so gerne sehen möchte. Denn ich finde, wenn über Serienmörder geschrieben, gesprochen, erzählt (was auch immer) wird, wird allzu oft ausgeblendet, dass sie immer noch Menschen sind, denn auch Brutalität ist ein Aspekt des Menschseins - ein wesentlicher sogar.

Spannend finde ich auch den Handlungsverlauf, denn Jeff Jensen erzählt die Geschichte des Green River Killers nicht chronologisch, sondern auf ganz eigene, ziemlich faszinierende Art und Weise. Zunächst teasert er das Geschehen sozusagen an, skizziert dann auf wenigen Seiten den beruflichen Werdegang seines Vaters, von dem er überleitet zu den ersten Leichenfunden. Und ab da fällt der Leser Knall auf Fall mitten in das Verhör von Gary Ridgway im Jahr 2003. Und während dieser für alle Seiten Nerven zehrenden und belastenden Prozedur werden immer wieder Zeitsprünge zurück in die Zeit der Morde eingefügt - sowohl aus der Perspektive des Killers als auch durch die Augen des Ermittlers Tom Jensen. Ich muss ganz ehrlich sagen: Anfangs fand ich diese Art des Erzählens etwas befremdlich, denn ich hatte ganz einfach etwas anderes erwartet. Jeff Jensen zeichnet in Green River Killer aber eben nicht die Suche nach dem Täter nach (zumindest nicht zum großen Teil), sondern die Suche nach dessen Motiv. Und das ist ein unheimlich interessanter Blickwinkel, eine wahnsinnig spannende Herangehensweise. Sodass ich zu dem Schluss komme: Storytechnisch genial gemacht und wirklich ganz, ganz groß erzählt!

Wenn einen die Geschichte schon verstört, betroffen macht, aber eben auch auf morbide Weise fasziniert und auf jeden Fall in ihren Bann schlägt, dann unterstreicht Jonathan Case das Ganze mit seinen Zeichnungen noch einmal hundertfach. Diese sind in Schwarz-Weiß gehalten, was allein schon für eine düstere, bedrückende Atmosphäre sorgt, und wahnsinnig realistisch. Teilweise auch etwas bizarr und fast schon schaurig - einfach wunderbar passend zu dieser grausamen Geschichte, die einen emotional durchaus an die eigenen Grenzen bringen kann. Auf jeden Fall eine unheimliche, aber schaurig schöne Erfahrung.

Graphic Novels faszinieren mich, weil sie auf gewisse Weise noch einmal eine ganz andere emotionale Erfahrung bieten als klassische Romane. Ebenso ist es mir mit Jeff Jensens und Jonathan Case' Green River Killer ergangen. Ich finde diese Graphic Novel wahnsinnig gelungen und einfach unglaublich intensiv, so realistisch und doch irgendwie abgedreht. Eine ganz große Leseempfehlung von mir! Aber Achtung: Leicht verdaulich ist die Geschichte und vor allem die intensive Auseinandersetzung mit Täter und Motiv absolut nicht.



0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen