Montag, 8. Januar 2018

REZENSION: "Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr" (Walter Moers)

© Knaus


Titel: Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr
Autor: Walter Moers
Genre: Roman / Fantasy
Verlag: Knaus
Erscheinungsjahr: 2017
Format: Hardcover (24,99 €)
Seiten: 344
ISBN: 978-3-8135-0785-0


Prinzessin Dylia leidet als einzige Person in ganz Zamonien unter einer rätselhaften Krankheit, deren quälendstes Symptom eine ausgeprägte Schlaflosigkeit ist. Dylia hat mittlerweile die verschiedensten Methoden entwickelt, um damit umzugehen. Sie nennt sich selbst Prinzessin Insomnia und flüchtet sich auch des nachts am liebsten in die Welt der Wörter. Als mitten in einer besonders langanhaltenden Periode der Schlaflosigkeit plötzlich der alptraumfarbene Nachtmahr Havarius Opal in Dylias Schlafzimmer aufkreuzt, geht sie zunächst davon aus, nun endgültig den Verstand verloren zu haben. Und tatsächlich kündigt Opal Dylia an, sie nach und nach in den Wahnsinn zu treiben, doch nicht, ohne sie vorher mitzunehmen auf eine einzigartige Reise durch ihr eigenes Gehirn - bis nach Amygdala, das sagenumwobene dunkle Herz der Nacht...

Das Cover eines Moers Romans kann eigentlich nichts anderes als skurril, auffällig und genial sein. Das trifft auch auf das Cover von Prinzessin Insomnia zu - man sieht einfach sofort, dass man hier einen echten Moers vor sich hat.

Jeder Roman von Walter Moers ist etwas Besonderes, denn irgendwie sprengt Moers mit jedem Werk aufs Neue alle Konventionen und scheint sich und Zamonien immer wieder ein Stück weit neu zu erfinden. Vor allen Dingen trifft das auf seinen neuesten Roman Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr zu. Was so außergewöhnlich an dieser Geschichte ist, ist, dass Moers sie in Zusammenarbeit mit einer jungen Frau namens Lydia Rode entwickelt hat, und wem jetzt etwas auffällt, dem sei gesagt: Ja, Dylia klingt nicht nur so ähnlich wie Lydia, es handelt sich sogar um ein Anagramm dieses Namens. Warum hat Moers das wohl gemacht? Ganz einfach, weil Lydia Rode, die an der unheilbaren Krankheit Chronisches Fatigue- oder Erschöpfungssydrom (CFS) leidet, ihn zu der Figur der Dylia inspiriert hat. Und noch etwas ist diesmal anders: Moers hat Prinzessin Insomnia nicht selbst illustriert, sondern die Zeichnungen sind diesmal deutlich bunter (es handelt sich um Aquarelle) und stammen von - Lydia Rode.

Anfangs fand ich diese pastelligen und ungewohnt fröhlichen Aquarelle etwas befremdlich, denn von Moers ist man schließlich anderes gewohnt. Nach einigen Seiten hatte ich mich allerdings recht gut mit Lydia Rodes Zeichnungen angefreundet, denn es zeigt sich, dass sie ausnehmend gut zur Handlung und zum atemberaubend unkonventionellen Setting passen. All die fantasievollen Wesen, die Dylias Gehirn bevölkern, all die merkwürdigen Orte kommen durch Lydia Rodes Aquarelle unheimlich gut zur Geltung und so ergänzen sich Handlung und Illustrationen einfach perfekt.

Nun aber zur Geschichte selbst: Prinzipiell spielt diese, wie könnte es anders sein, in Zamonien und zwar in einem Schloss, in dem die schlaflose Prinzessin Dylia als Tochter des Königs lebt. Das ist quasi der Rahmen, allerdings bekommen wir in diesem Roman nur sehr wenig von Zamonien zu sehen, denn der Großteil der Geschichte spielt an einem noch viel verrückteren Ort - in Prinzessin Dylias Gehirn. Ich hatte hin und wieder das Problem (auch auf den ersten 50 Seiten, auf denen Dylias Leben, ihre Krankheit und ihr skurriler Alltag beschrieben werden), dass es sich für mich nicht nach Zamonien anfühlte. Ich kann das gar nicht so richtig erklären, aber es gibt Sequenzen, die nach meinem Empfinden nicht so richtig zum Stil des großen zamonischen Schriftstellers Hildegunst von Mythenmetz (der fiktiven Autorfigur) passen wollen.

Abgesehen davon findet sich in Prinzessin Insomnia jedoch alles wieder, was man an Moers so liebt. Ganz besonders beeindruckt hat mich wieder einmal seine metaphorische beziehungsweise eher allegorische Sprache. Hinter so gut wie jedem Ort, jeder Figur, jeder Begebenheit, jeder Unterhaltung zwischen Dylia und Havarius Opal steckt eine größere Wahrheit. Während man noch mit vor Staunen weit offenem Mund dieses oder jenes betrachtet, macht es während des Lesens "klick" im eigenen Kopf und man wirft einen Blick hinter diesen zauberhaften Vorhang aus Worten. Die Handlung hat also unheimlich viele verschiedene Ebenen, die sich wie die Häute einer Zwiebel nach und nach abschälen lassen. Moers' Genialität zeigt sich dabei unter anderem darin, dass es ihm auf meisterhafte Art und Weise gelingt, ein eher schwieriges und bedrückendes Thema wie die Krankheit von Lydia Rode und deren Auswirkungen auf Geist und Körper aufzugreifen, ohne die Geschichte selbst schwermütig und bedrückend klingen zu lassen.

Trotzdem auch Dylia ein beschwerliches Leben führt und von ihrer Krankheit bisweilen niedergedrückt wird, ist die Tonalität durchgehend leicht und positiv - fast schon schwebend. Dylia ist eine ausgesprochen kluge und gewitzte, aber auch positiv eingestellte und lebensfrohe Prinzessin - ihr könnt euch vorstellen, dass es gewaltig knallt, als sie auf den verschrobenen Nachtmahr Havarius Opal trifft, dessen Ziel es ja schließlich ist, Dylias brillanten Verstand auszutrocknen. Da fliegen gewaltig die Fetzen und die Wortgefechte haben nicht nur einen großen Unterhaltungswert, sondern sind vor allem klug und herrlich skurril. So wie eigentlich alles an diesem einzigartigen Roman.

Dylias Reise durch ihr Gehirn ist ein bisschen auch eine Reise durch das eigene Gehirn. Wer weiß denn, ob nicht auch unser Gedächtnis von einer giftgrünen Spinne geleitet wird, die jede Erinnerung sorgsam in ihr Netz einspinnt? Oder ob Gedanken nicht als fast durchsichtige Zwielichtzwerge geboren werden? Ob in unserem Gehirn nicht vielleicht auch zarte Ideenschmetterlinge durch die Gegend schwirren? Ich liebe diese abstruse, unglaublich bunte, aber hier und dort auch düstere und zwielichtige Welt, in der alles und nichts möglich ist. Wenn man denkt: Jetzt ist aber gut, Herr Moers, nochmal hauen Sie mich nicht in die Pfanne - genau dann tritt bereits die nächste Kuriosität auf den Plan und alles, was man glaubte zu wissen, wird komplett über den Haufen geworfen. Grandios, genial, spektakulär!

Als Wort- und Buchliebhaber war Dylia für mich natürlich eine Identifikationsfigur. Aufgrund ihrer Krankheit und der vielen Zeit, die sie mit sich selbst verbringt und in der sie über dieses und jenes nachgrübelt, wirkt sie ziemlich eigen, extravagant (oh, es würde ihr gefallen, dass ich sie so beschreibe), ein wenig altklug und vielleicht sogar einen Ticken schrullig. Aber all das auf eine liebenswerte, sympathische Art. Sie und der Nachtmahr sind schlicht und ergreifend ein herrliches Gespann, das so wenig zusammenpasst, dass es schon wieder perfekt zusammenpasst. Versteht ihr, was ich meine? Mit Prinzessin Insomnia hebelt Moers mal wieder alles aus, was man glaubte, über Zamonien zu wissen, und geht einmal mehr einen komplett neuen Weg. Walter Moers ist einfach immer für eine (unterhaltsame) Überraschung gut! Obwohl es Stellen gab, die auf mich recht gedehnt und übertrieben in die Länge gezogen wirkten, bleibt der Unterhaltungswert durchgehend auf einem extrem hohen Level - und vor allem Niveau. Und das ist einfach eine Meisterleistung.

An meinen moersschen Lieblingsroman, Die Stadt der träumenden Bücher, kommt Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr nicht ran - aber das muss Walter Moers' neuester Zamonienroman auch gar nicht, denn er geht in eine so komplett andere Richtung, dass er irgendwie für sich allein steht. Die Geschichte von der schlaflosen Prinzessin und dem alptraumfarbenen Nachtmahr strotzt nur so vor Klugheit, Charme, Witz, Genialität und vor Orten, Begebenheiten und Begegnungen, die einen in ungläubiges Staunen versetzen. Ein spektakuläres Leseerlebnis, das für mich zwar nicht ganz rund war - das kann ich der Geschichte aber einfach nicht übel nehmen.



0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen